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Die wollen ja gar nicht!

Es gibt Themen, die machen mich wütend – richtig wütend. Eines davon ist, dass Frauen immer wieder unterstellt wird, dass sie gar nicht in eine Führungsposition kommen möchten, weil ihnen das zu anstrengend ist. Schließlich hindere sie heute niemand mehr daran, sich den Chefsessel zu schnappen. Aus meiner Sicht ist diese Argumentation schlicht und einfach unverschämt, zumindest aber blauäugig. So zeigen meine Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen ebenso wie aktuelle Studien, dass Frauen im Berufsleben keinesfalls gleichberechtigt sind. Sondern dass vielmehr eine große Lücke klafft zwischen der Wahrnehmung der Führungskräfte und der Realität in ihren Unternehmen.

So ist laut der Umfrage „Chefsache Report 2018“ zwar die Mehrheit der befragten Führungskräfte (68 Prozent) davon überzeugt, dass die Talententwicklung in ihrem Unternehmen Frauen und Männern gleiche Chancen bietet. Aber nur weniger als ein Drittel (29 Prozent) der Befragten sagen, dass es in ihrem Unternehmen standardisierte Kriterien gibt, mit denen Talente identifiziert und in passende Positionen befördert werden. Weniger als die Hälfte der Umfrageteilnehmer (44 Prozent) berichtet von einem systematischen Talentmanagement, in Firmen mit weniger als 500 Beschäftigten sind es sogar nur knapp 32 Prozent. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Führungskräfte vor allem diejenigen Talente fördern, die ihnen selbst ähnlich sind – in Bezug auf Geschlecht, Herkunft, Alter und Ausbildung. Auf Diversität bei der Zusammenstellung der Teams oder bei Beförderungen achtet hingegen nur jeder fünfte Befragte. Lediglich 27 Prozent der Führungskräfte geben an, Gender Diversity sei eines der zehn wichtigsten strategischen Ziele ihres CEOs. Und auch in Sachen Transparenz sieht es eher dürftig aus: Nur 41 Prozent der Befragten geben an, dass in ihrem Unternehmen regelmäßig Daten in Bezug auf den Frauenanteil und die Beförderung von Frauen erhoben werden.

Allein diese Zahlen zeigen: Es ist ziemlicher Unsinn, dass Frauen in den Unternehmen dieselben Chancen auf einen Aufstieg haben. Und so lange das so ist, werden auch einzelne Motivationsveranstaltungen für Frauen oder öffentliche Bekenntnisse zur Gendergerechtigkeit nicht ausreichen, um daran etwas zu ändern. Sie sind – mit Verlaub – Alibi-Veranstaltungen und ihre Wirkung ist sehr begrenzt, weil sie das Problem nicht an der Wurzel packen. Und mehr noch: Sie sind sogar gefährlich. Denn auch sie suggerieren den Frauen, dass sie in den Chefetagen ebenso vertreten sein könnten wie die Männer, wenn sie denn nur wollten. Damit befeuern sie Selbstzweifel, die weibliche Beschäftigte in der Regel ohnehin schon viel stärker plagen als ihre männlichen Kollegen.

Ich persönlich sage daher sogar dem einen oder anderen Unternehmen ab, wenn ich merke, dass ich einen Vortrag halten soll, ausschließlich um die Firma in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Und umso lieber sind mir Kunden, die mit gutem Beispiel vorangehen, die mit Mentoring, Coaching- und Talentprogrammen sowie einer guten Feedbackkultur den Frauen auch wirklich auf dem Weg nach oben helfen. Unternehmen, die mit flexiblen Arbeitszeiten, ausreichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten und einem ehrlichen Bekenntnis zur Führung in Teilzeit an sich arbeiten, um für Männer und Frauen gleichermaßen attraktiv und zu sein. Ich bin überzeugt: Diese Firmen werden nicht nur hervorragend qualifizierte Frauen für hochkarätige Positionen gewinnen, sie werden auch im Wettbewerb die Nase vorn haben.

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Kommentar von Ramona Waterkotte |

Segregation am Arbeitsmarkt ...

Das Problem ist die klassische Rollenverteilung in der Gesellschaft. Wenn die Frau nach der Elternzeit in den Job zurück geht, werden ihr die fehlenden Arbeitsjahre als negativ angelastet. Sie haben ja keinerlei Erfahrung ...
Hat Frau kein Kind, bekommt sie sicher bald eins, was bedeutet, keine Chance auf Führungsebene. Statt Dessen das Angebot des Teilzeitjob. Schließlich weiß jeder Chef, dass die biologische Uhr tickt.

Vorher kaum Chancen. Nach den Kindern kaum Chancen. Hinzu kommt, dass der ehemalige Westteil noch immer zu wenig Betreuungsplätze hat. Ein weiterer Karriereverhinderer ...

Da hat Man(n) leicht sagen, Sie wollen ja nicht.

Aber Sie pflegen dann wieder Eltern und Schwiegereltern ... *Ironie an: Ob Sie will oder nicht.

In diesem Sinn ...

Kommentar von Jona Jakob |

Frisch aus der Presse. Ich kenne Esther persönlich von zwei Anlässen, wir sind darüber im Kontakt geblieben (XING, Twitter, FB). Das Interview mit ihr: Frisch und knackig - und eben lesenswert, denn "sie will" - sie sei also da.

https://www.annabelle.ch/leben/karriere/%C2%ABich-lernte-auf-z%C3%A4hne-zu-beissen%C2%BB-48453

Ich habe in meinem Berufsleben besonders in der Hochkonjungktur der 80er-Jahre viele damalige Kolleginnen gefragt, ob sie den Ledersessel nehmen würden, wenn ich Ihnen SFR 120'000.-- bzw. 150'000.-- p.a. bezahlen würde? Die Antwort war unisono: Nein. Mir hat noch keine Frau im Leben gesagt: "Ja, mach her. Sofort." Ist aber nur meine subjektive Erfahrung. Ich kenne ja Frauen in Führungspositionen und besonders meine Liebste, die als Inhaberin und Unternehmerin erst einmal ca. eine halbe Mio.-- Investitionskapital einwarf und dann startete. Hinweis: Die Banken in Hessen sagten damals: Das Business kann eine Frau nicht (Wasser- und Brandschadensanierung www.elkemerkel.de . Da bemerkte jemand: "Frag in Bayern, die sehen das anders." Sie hat den Förderkredit sofort bekommen, ohne je antanzen zu müssen. Das Unternehmen steht daher in Stockstadt am Main und wir leben unterdessen in Aschaffenburg. - Cheers.