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Keinen Bock auf Politik?

Keinen Bock auf Politik?

Wer es als Frau in das britische Abgeordnetenhaus geschafft, hat nicht viel zu lachen. Wie kürzlich bekannt wurde, herrscht dort ein so sexistisches Klima, dass sich Mitarbeiterinnen alltäglich johlenden Männergruppen ausgesetzt sehen und mit Anzüglichkeiten, peinlichen Witzen oder Bemerkungen über ihre Unterwäsche umgehen müssen. Auch Zudringlichkeiten seien an der Tagesordnung, enthüllte vor kurzem eine ehemalige Höchstrichterin in einem offiziellen Bericht.

Missstände wie diese sollten Frauen eher motivieren als abschrecken, sich politisch zu engagieren. Denn solange Frauen sich nur beim gemeinsamen Latte Macchiato darüber aufregen, wird sich nicht viel ändern. Dabei geht es gar nicht darum, gleich in eine Partei einzutreten oder Abgeordnete zu werden, sondern sich überhaupt erst mal für Politik zu interessieren.

Doch wie ich im „Spiegel“-Sonderheft „Frauenland“ lesen muss, ist genau das Gegenteil der Fall: Zahlreiche Studien belegen, dass Frauen ein deutlich geringeres politisches Wissen haben als Männer. Eine eigene Umfrage des „Spiegel“ ergab etwa, dass 67 Prozent der Männer wissen, dass Russland nicht in der Nato ist, jedoch nur 32 Prozent der Frauen. Qualitätszeitungen werden zum Großteil von Männern gelesen (beim „Spiegel“ ist das Verhältnis gar 72 zu 28 Prozent). Auch an den Buchverkäufen wird der Unterschied deutlich. Erst vor kurzem hat der Börsenverein des deutschen Buchhandels eine Studie veröffentlicht: Männer kaufen mehr Sachbücher als Frauen, während Frauen öfter zu Romanen greifen.

Kann es denn wirklich sein, dass Frauen sich immer noch in „Gedöns“ flüchten, statt die Gesellschaft um sich herum mitzugestalten? Nichts anderes ist ja Politik, und wer sich dafür nicht interessiert, darf sich hinterher nicht beschweren, wenn die Umstände ihm nicht gefallen. Zumal wir dazu gar nicht nach England herüberschauen müssen.

So hat die „Spiegel“-Redaktion im Zuge der #MeToo-Diskussion aufgearbeitet, wie sich ihr Gründer, der verstorbene Rudolf Augstein, gegenüber seinen Mitarbeiterinnen verhielt. Eine von ihnen erzählt, wie ihr Vorstellungsgespräch verlief: Augstein empfing die Redakteurin nachmittags bei sich zu Hause. Er lümmelte dabei im Bademantel auf dem Sofa und sprach über ihren Kopf hinweg mit dem Ressortleiter: „Wollt ihr schon wieder eine Frau? Ihr habt doch schon eine.“ Was für eine Demütigung!

Nein, es reicht nicht aus, zu hoffen, dass Augsteins Generation diese Form des Sexismus mit ins Grab nimmt. Wir müssen nur zu unseren polnischen Nachbarn schauen, um zu wissen: Das Aufkeimen des rechten Denkens ist für uns Frauen und für das, was wir erkämpft haben, eine zu große Bedrohung, als dass wir die Hände zufrieden in den Schoß legen könnten.

Wie schreibt es der Spiegel so schön? „Frauen sollen sich von Politik und Medien gemeint fühlen. Sich aber auch gemeint fühlen zu wollen, das liegt an ihnen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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