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Null Frauen

Null Frauen

Ein Report der deutsch-schwedischen Allbright-Stiftung hat kürzlich für Aufsehen und sehr zurecht auch für Empörung in den Medien gesorgt. So wird in dem äußerst aufschlussreichen Papier zwar noch einmal erklärt, dass die 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland gesetzlich verpflichtet sind, feste Zielgrößen für die Steigerung des Frauenanteils in ihren Vorständen zu veröffentlichen – aktuell für den Zeitraum bis 2022. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass es möglich ist, hierbei die Zielgröße null anzugeben, also null Frauen im Vorstand anzustreben. Davon machen die Firmen auch regen Gebrauch: 76 der Unternehmen, die noch keine Frauen im Vorstand haben, planen laut dem Bericht nicht, daran etwas zu ändern. 53 Aufsichtsräte nennen ausdrücklich das Ziel „null Frauen“.

Diese absurde Formulierung lässt nicht nur jeder beruflich engagierten Frau das Blut in den Adern gefrieren. Sie deutet zudem darauf hin, dass es auch künftig nicht mehr Frauen in die Vorstandsetagen schaffen werden als bisher. Und das ist definitiv zu wenig. So war im Jahr 2017 der Zuwachs an weiblichen Vorstandsmitgliedern so gering, dass er in etwa dem Zuwachs an Männern namens Thomas entsprach. Wie das zustande kommt, beschreibt die Allbright-Stiftung, die sich für mehr Diversität in den Führungsetagen einsetzt, nicht ohne Ironie: Thomas rekrutiert Thomas und der wiederum einen Thomas, der ihm sehr ähnlich ist – männlich, weiß, über 50 Jahre alt und Wirtschaftswissenschaftler. Und so waren im Jahr 2017 immer noch 92 Prozent der Vorstandsmitglieder in den börsennotierten Unternehmen Männer.

Besonders wütend macht mich, dass die Entscheider offenbar gar nicht gewillt sind, Frauen in Führung zu bringen. Sie wollen unter sich bleiben – basta! Das ist nicht einfach nur meine Interpretation, sondern ein weiteres Ergebnis der Stiftung. Denn im internationalen Vergleich, so stellten sie fest, steht Deutschland auffallend schlecht da. Vergleicht man den Frauenanteil in den Vorständen der 30 führenden Börsenunternehmen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, den USA und Schweden, belegen wir den letzten (!) Platz. Die USA und Schweden sind uns weit voraus, der Frauenanteil in den Vorständen ist hier doppelt so hoch. Bei Unternehmen wie Apple, IBM, Volvo oder Hennes & Mauritz sitzen zum Teil bereits deutlich mehr als 30 Prozent Frauen im Vorstand. Ebenso bei L’Oréal und Danone in Frankreich, Unilever in Großbritannien oder Energa in Polen. Wir sind das einzige Land, in dem keines der großen Börsenunternehmen einen Frauenanteil von 30 Prozent im Vorstand erreicht. Und wir sind auch das einzige Land, in dem keines der großen Börsenunternehmen einen weiblichen CEO hat. Auch hier gilt offenbar die Devise: null Frauen.

Was diese Unterschiede zwischen den Ländern verursacht, wollte die Allbright-Stiftung wissen und fand heraus: Gute gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelten zwar nach wie vor als wichtig für einen hohen Frauenanteil im Management – zum Beispiel Teilzeitmöglichkeiten für beide Geschlechter und eine gute Kinderbetreuung. Wirklich entscheidend jedoch, so zeigt die Auswertung, ist die positive Einstellung der Unternehmen. Sprich: Wenn Frauen im Top-Management strategisch gewollt sind, steigt ihr Anteil signifikant – und zwar unabhängig von den Rahmenbedingungen. So stieg in Schweden der Frauenanteil in den Vorständen trotz bereits länger bestehender bester Bedingungen erst, als die Unternehmen die positiven ökonomischen Effekte einer gemischten Unternehmensführung erkannten. Die USA sind sogar das Land mit den schlechtesten Rahmenbedingungen. Dennoch nutzen die Unternehmen die weiblichen Ressourcen hier besonders konsequent und erreichen den höchsten Frauenanteil in den Vorständen. Es kommt also vor allem auf den Willen an. Da hilft nur: Weiter Aufklärungsarbeit betreiben – und den Entscheidern endlich die Augen öffnen, dass sie sich und ihrem Unternehmen mit ihrer „Frauenblockade“ großen Schaden zufügen.

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